Meinung Netz Diskurs: Meinungsbildungsprozesse im Internet

Kurzbericht zu den interdisziplinären Diskursen über das Heranwachsen in mediatisierten Lebenswelten

Werden Meinungen im Netz nur proklamiert oder auch fundiert gebildet?
Und welche Bedeutung kommt dabei netztypischen Diskursformen zu? Diese Fragen standen im Fokus der 15. Interdisziplinären Tagung am 29. November, zu der 130 Teilnehmende in die Bayerische Landeszentrale für neue Medien (BLM) kamen. Die Tagung wird gefördert vom Bayerischen Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales (StMAS).

Begrüßt wurden die Teilnehmenden durch Siegfried Schneider, den Präsidenten der BLM: „Politische Meinungsbildung erfolgt heute gerade bei den Jüngeren zum großen Teil im und über das Netz. Diese Verlagerung der Meinungsmacht hat auch die Art und Weise der politischen Kommunikation verändert – das sollte bei der Vermittlung politischer Bildung berücksichtigt werden. Dabei gilt die Maxime: Meinungsfreiheit und Menschenwürde sind nicht verhandelbare Werte und müssen geschützt werden!“ Bayerns Staatssekretärin für Familie, Arbeit und Soziales, Carolina Trautner, richtete sich ebenfalls mit einem Grußwort an das Publikum. Sie betonte: „Der Einfluss von Social Media auf die politische Meinungsbildung von jungen Menschen ist heutzutage enorm. Unsere wichtigste Aufgabe ist es daher, Heranwachsenden Medienkompetenz zu vermitteln und sie bei ihren Meinungsbildungsprozessen zu begleiten. Wir möchten jungen Menschen Handwerkszeug mit auf den Weg geben, damit sie kritisch und reflektiert mit den unterschiedlichen Quellen von Informationen aus dem Netz umzugehen lernen.“

Für das JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis eröffnete der Vorsitzende, Prof. Dr. Frank Fischer, die Tagung und unterstrich die Bedeutung der Chancen wie auch Herausforderungen des Internets für die politische Meinungsbildung. Chancen böten Online-Diskurse, weil sie Individuen und Gruppen außerhalb der Massenmedien eine enorme Reichweite verschaffen könnten. Gesellschaftlich problematisch sei es jedoch, wenn Menschen im Internet nur noch Informationen suchten, die die eigene Meinung stützten und sich so vom öffentlichen Diskurs abkoppelten. Zudem stelle sich die Frage, welche Normen für den Diskurs und die Inhalte auf Online-Plattformen maßgeblich seien und welche Inhalte sanktioniert werden sollten.  

Eine thematische Einführung mit Beispielen aus der medienpädagogischen Forschung gaben Dr. Niels Brüggen, Dr. Georg Materna und Eric Müller vom JFF. Sie stellten die Breite des Tagungsthemas zwischen individuellen Meinungsbildungsprozessen und der Teilhabe an der öffentlichen Meinungsbildung vor und verorteten darin Forschungsergebnisse des JFF. Bei Informationen zum Thema Flucht spielten beispielsweise gerade auch klassische Medien und deren Wechselwirkung mit Inhalten in sozialen Medien eine große Rolle (siehe ausführlich http://mekrif.jff.de). Bei politischen Diskursen würden Jugendlichen Kontroversen aus der Angst vor Shitstorms meiden und sich eher in semiprivaten Räumen, wie z. B. Gruppenchats, austauschen. Über Prinzipien und Herausforderungen aktueller politischer Bildung sprach Dr. Christian Zimmermann von der Philosophischen Fakultät – Politikwissenschaft der Universität Siegen. In seinem Vortrag skizzierte er die Möglichkeiten und Grenzen politischer Bildung unter den Bedingungen der Gegenwart und plädierte für eine dezidiert kritische Auseinandersetzung mit der heutigen Auslegung und Praxis der Demokratie. Hinsichtlich der Aufgaben politischer Bildung betonte er vor allem die Bedeutung der Stärkung des Selbstwertgefühls der Teilnehmenden.  

Über Bilder und Memes als Bestandteile der Diskurskultur im Netz und ihre Bedeutung für die politische Meinungsbildung sprachen Prof. Dr. Thomas Knieper und Michael Johann vom Lehrstuhl für Digitale und Strategische Kommunikation der Universität Passau. Bilder waren bereits in den 70er Jahren in der politischen Kommunikation bedeutsam und von da aus erschließe sich die Entwicklung zu heutigen Internet-Memes. Politischen Internet-Memes dienten dem Selbstausdruck, der Darstellung von Verbundenheit und wesentlich auch der Unterhaltung. Potenziale für die Meinungsbildung bestünden, da sie Informationen vermitteln aber auch zur Mobilisierung genutzt werden können.

Mit seinem Vortrag zum Thema „Meinungsfreiheit, Menschenwürde, Community-Standards – wer schützt was in Netzdiskursen?“ griff Rechtsanwalt Chan-jo Jun, von der Kanzlei JunIT für IT- und Wirtschaftsrecht auf, dass Memes teils nicht den Anspruch hätten, Wirklichkeit abzubilden. Vielmehr enthielten Internet-Memes auch üble Nachrede und andere Verletzungen der Menschenwürde. Zur Bewertung dieser Inhalte wies er auf die Unterschiede zwischen den Community-Standards der Plattformen, dem amerikanischen Recht und dem Grundgesetz hin. Für einen besseren Schutz der Menschenwürde gegenüber der Redefreiheit (Community-Standards und US-Recht) forderte er die Durchsetzung des Grundgesetzes wie beim Netz-DG sowie eine breitere politische Bildung der Bürgerinnen und Bürger. Anschließend diskutierten Uta Löhrer von der LpB Bayern, Dr. Christian Zimmermann, RA Chan-jo Jun und Michael Johann in einer Podiumsdiskussion mit dem Publikum über das Thema „Das Netz als Gegenstand oder Ort für die politische Meinungsbildung?“ oder: „Wie kann das Netz ein konstruktiver Ort der demokratischen Meinungsbildung werden?“. Zentrale Aussage der Diskussion waren

  • Wenn Recht und empfundene Gerechtigkeit auseinander divergieren, werde das Recht hinterfragt. Dies sei gerade angesichts einer mangelnden Regelung im Internet der Fall und erfordere ein Gegensteuern durch eine bessere Rechtsdurchsetzung wie auch politischer Bildung zu den Werten, die für unsere Demokratie und demokratische Diskurse gelten sollten. Humor wurde dabei als besonders heikel identifiziert, da die Grenze zwischen Satire, Geschmacklosigkeit und dabei der Schutz der Würde der angesprochenen Menschen schwer einzuschätzen seien. Satire müsse aber unbedingt ausgehalten werden. Für eine zeitgemäße politische Bildung sei die Förderung von Medienkompetenz unverzichtbar.
  • Als Grundlage für die Bildungsarbeit in schulischen wie außerschulischen Handlungsfeldern sei allerdings noch Grundlagenforschung zu den konkreten Einflussfaktoren der politischen Meinungsbildung erforderlich. 
  • Um das Netz als konstruktiven Ort der Meinungsbildung zu stärken, sei die Förderung von (auch) intergenerationellen Diskursen zu den kontroversen Fragen der Zeit und die Reflexion von antidemokratischen Entwicklungen notwendig. Es seien aber auch strukturelle Voraussetzungen zu schaffen, wie die Kuratierung von Inhalten. Dabei sei eine Verpflichtung auf die Einhaltung des Grundgesetzes in den sozialen Medien und in diesem Sinne eine Regulierung der hier handlungsmächtigen Akteure notwendig.

Den inhaltlichen Schwerpunkt gab abschließend Canan Korucu, Co-Geschäftsführerin von ufuq.de und Leiterin im Bund-Länder-Projekt bildmachen, mit einem Einblick in aktuelle Praxisentwicklungen und sprach über Erfahrungen mit Memes in der politischen Bildungsarbeit. Memes ließen sich sehr schnell und einfach erstellen und böten eine hohe Anschlussfähigkeit an jugendkulturelle visuelle Gewohnheiten. Im Prozess der Meme-Erstellung in den Workshops würden Diskurse und Reflexionsprozesse angestoßen, so Korucu, gerade auch wenn Memes kontrovers und mehrdeutig seien.

Die Tagung wurde durch Fachzirkel durchbrochen und inhaltlich ergänzt. Hier konnten sich die Teilnehmenden in moderierten Kleingruppen mit dem Thema der Tagung auseinandersetzen, ihre Gedanken und Fragen einbringen sowie gemeinsam Aspekte herausarbeiten, die in die Podiumsdiskussion eingebracht werden konnten. 

Die Tagung endete mit einer Würdigung von 70 Jahren JFF. Kathrin Demmler, Direktorin des JFF, gab hierzu einen Rückblick mit den zentralen Meilensteinen des Vereins. In seiner Funktion als stellvertretender Vorsitzender des JFF e. V. schnitt Klaus Lutz die Jubiläumstorte an. 

Links zu den vorgestellten Projekten:

Im Nachgang werden die Vorträge als Videos zur Verfügung gestellt.

Uta Löhrer

Uta Löhrer, Landeszentrale für politische Bildungsarbeit (LpB Bayern)

Studium der Anglistik und Germanistik an der Universität Augsburg und University of Birmingham für das Lehramt an Gymnasien. Stationen nach dem Referendariat: Gymnasium Grafing (bis 2013), Lehrauftrag für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur an der LMU (2004-2006). Seit 2013 in der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit. Dort zuständig für Didaktik, Öffentlichkeit & neue Medien. 

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Canan Korucu: Politische Bildungsarbeit mit Memes. Erfahrungen und Perspektiven

Soziale Medien gewinnen als Ort der (politischen) Sozialisation von Jugendlichen an Bedeutung. Dabei lassen sich On- und Offline-Lebenswelten immer weniger voneinander abgrenzen. Neben informativen, unterhaltsamen und hilfreichen Inhalten begegnen ihnen dort auch Hate Speech, Verschwörungstheorien, Falschinformationen und Shitstorms. Rechte wie auch Islamist*innen nutzen das Internet, um Jugendliche anzusprechen und für ihre Ziele zu gewinnen. Dabei greifen sie auf Video-Plattformen und in Sozialen Medien Themen auf, die Jugendliche beschäftigen: Gemeinschaft und Identität, Gerechtigkeit und Geschlechterrollen, Politik und Gesellschaft, Religion und Zusammenleben.
Hier sind pädagogische Angebote gefragt, die für diese Phänomene sensibilisieren sowie Räume anbieten, um über Ausgrenzung, Diskriminierung und Rassismuserfahrungen sprechen zu können. Gleichzeitig sollen aber auch Kompetenzen gestärkt werden, um selbst Hintergründe zu recherchieren und eine eigene Position entwickeln zu können. Die aktive Nutzung von Sozialen Medien ist dabei ein Mittel, um Jugendlichen im Alltag auch jenseits von virtuellen Welten Erfahrungen von Anerkennung und Selbstwirksamkeit zu ermöglichen.
Die aktive Medienarbeit mit Memes bietet die Chance, mit jugendtypischen Fragen umzugehen und den Gesprächsbedarf in der Gruppe zu klären. So erhalten die Jugendlichen die Möglichkeit, verschiedene Perspektiven zu erproben und sich zu positionieren, und setzen damit die Themen, die für sie relevant sind. Die Produktion von Memes ist in den Workshops mit Jugendlichen ein idealer Ansatz, um die Kommunikationsstrategien in solchen Bildern zu reflektieren: Wie drücke ich aus, was ich sagen will? Wem will ich etwas sagen? In welchem Kontext steht meine Botschaft? Wie verbreite ich meine Botschaft im Netz? Dieser Prozess fördert bei den Jugendlichen die Auseinandersetzung mit den für sie wichtigen Themen einerseits und den kompetenten Umgang mit von Dritten produzierten Memes sowie politischen Botschaften andererseits.
Der Vortrag will anhand von Praxisbeispielen aufzeigen, warum die Arbeit mit Memes in der Politischen Bildungsarbeit erfolgversprechend sein kann und worauf zu achten ist.

Canan Korucu, Co-Geschäftsführerin von ufuq.de und Leiterin im Bund-Länder-Projekt bildmachen

Sie hat Erziehungswissenschaften und Gender Studies in Berlin studiert und hat ein Aufbaustudium der Islamwissenschaften absolviert. Nach beruflichen Stationen der außerschulischen Bildungsarbeit mit Jugendlichen und Erwachsenen zu den Themen antimuslimischer Rassismus sowie interreligiöser Dialog, war sie über vier Jahre an der Universität Bremen als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig. Den Schwerpunkt ihrer Forschung und Lehre bildete dabei die Analyse migrationsgesellschaftlicher Dominanz- und Differenzverhältnisse im Kontext von Migration, Gender und Islam. 

Dr. Christian Zimmermann – Politische Bildung heute. Prinzipien und Herausforderungen

Dr. phil., M.A., Studienrat im Hochschuldienst für Sozialwissenschaften und ihre Didaktik am Seminar für Sozialwissenschaften der Universität Siegen; zuletzt Vertretungen einer Professur für Politische Bildung (W3) und einer Professur für Didaktik der Sozialwissenschaften (W2) am Seminar für Sozialwissenschaften der Universität Siegen; zuvor Lehrkraft für Sozialkunde, Deutsch und Ethik an der Beruflichen Oberschule (FOSBOS) Marktheidenfeld (Bayern); Forschungs- und Interessenschwerpunkte: Theorie und Didaktik politischer Bildung, insbesondere kritischer politischer Bildung; Demokratietheorie, Kritische Theorie

Politische Bildung ist in der Demokratie zunächst in allgemeiner Hinsicht mit politischer Urteils- und Handlungsfähigkeit einer doppelten Zielbestimmung verpflichtet, in der das übergreifende Postulat politischer Mündigkeit zum Ausdruck kommt. Worin Aufgaben, Inhalte und Ziele politischer Bildung aber genau bestehen, kann nur vor dem Hintergrund demokratie- und gesellschaftstheoretischer Gegenwartsdiagnosen konkretisiert werden. In einer postdemokratischen Umgebung, in der Bürgerinnen und Bürger vermeintlich nur noch auf manipulative Signale reagieren, muss eine an Emanzipation und Demokratisierung orientierte politische Bildung anders agieren als in einer polarisierten Gesellschaft, in der insbesondere auch in sozialen Medien neue und kontroverse Formen politischer Kommunikation und politischer Partizipation erprobt werden. Der Vortrag wird Möglichkeiten und Grenzen politischer Bildung unter den Bedingungen der Gegenwart skizzieren und für eine dezidiert kritische Auffassung politischer Bildung plädieren. 

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Prof. Dr. Thomas Knieper und Michael Johann – Vom politischen Bild zum politischen Internet-Meme. Die Bedeutung von Bildern in der Politischen Kommunikation

Prof. Dr. Thomas Knieper

Prof. Dr. Thomas Knieper ist Inhaber des Lehrstuhls für Digitale und Strategische Kommunikation an der Universität Passau. Seine Forschungsinteressen liegen in den Bereichen instruktionale Medien und interaktive Videos, Methoden der empirischen Online-Forschung, Social Media Research, Wahlkampfkommunikation, visueller Public Relations sowie Online-Marketing. Vor seinem Ruf an die Universität Passau war Thomas Knieper Lehrstuhlinhaber für Kommunikations- und Medienwissenschaften an der TU Braunschweig und Direktor der IWF Wissen und Medien gGmbH in Göttingen.

Michael Johann

Michael Johann, M.A. ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Digitale und Strategische Kommunikation an der Universität Passau. Er lehrt und forscht insbesondere zu den Themen Public Relations/Unternehmenskommunikation, Digitale Kommunikation und Politische Kommunikation. Er promoviert zur dialogorientierten Unternehmenskommunikation in den sozialen Medien.

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Programm der #idt19 ist online

15. Interdisziplinäre Tagung “Meinung Netz Diskurs” am 29.11.2019

Werden Meinungen im Netz nur proklamiert oder auch fundiert gebildet?
Welche Bedeutung kommt dabei netztypischen Diskursformen zu?

Die Vielzahl an Diskursen im Internet und der potenziell niedrigschwellige Zugang zu diesen sind zugleich Chance wie auch Herausforderung für die politische Meinungsbildung. Chancen bieten Online-Diskurse, weil sie Individuen und Gruppen außerhalb der Massenmedien eine enorme Reichweite verschaffen können. Auch lassen sich im Internet vielfältige Artikulationsformen nutzen (neben Texten auch Bilder, Memes, GIFs, Videos etc.).

Gesellschaftlich problematisch wird es aber, wenn Menschen im Internet nur noch Informationen suchen, die die eigene Meinung stützen und sich so vom öffentlichen Diskurs abkoppeln. Zudem stellt sich die Frage, welche Normen für den Diskurs und die Inhalte auf Online-Plattformen maßgeblich sind und sanktioniert werden.

Die interdisziplinäre Tagung zielt darauf ab, mit empirischen und konzeptionellen Beiträgen weiterführende Einblicke in Meinungsbildungsprozesse im Internet zu ermöglichen, Ansprüche an die politische Meinungsbildung zu reflektieren sowie Formen und Bedingungen aktueller Diskurse im Internet differenziert zu beleuchten.

0930 Anmeldung

1000 Grußworte

  • Siegfried Schneider, Präsident der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien 
  • Carolina Trautner, Staatssekretärin für Familie, Arbeit und Soziales, StMAS
  • Prof. Dr. Frank Fischer, Vorsitzender des JFF – Jugend Film Fernsehen e. V.

1020 Thematische Einführung mit Beispielen aus der medienpädagogischen Forschung

  • Dr. Niels Brüggen, Dr. Georg Materna, Eric Müller,  JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis

1040 Politische Bildung heute. Prinzipien und Herausforderungen

  • Dr. Christian Zimmermann, Philosophische Fakultät – Politikwissenschaft an der Universität Siegen (Abstract & Vita)

1105 Diskussion in Fachzirkeln mit anschließender Pause

1200 Aktuelle Auseinandersetzungen zur Diskurskultur im Netz und deren Bedeutung für die (politische) Meinungsbildung

Vom politischen Bild zum politischen Internet-Meme. Die Bedeutung von Bildern in der Politischen Kommunikation

  • Prof. Dr. Thomas Knieper & Michael Johann, Lehrstuhl für Digitale und Strategische Kommunikation der Universität Passau (Vitae)

Meinungsfreiheit, Menschenwürde, Community-Standards – wer schützt was in Netzdiskursen?

1245 Nachfragen und Diskussion

1315 Mittagspause

1415 Die Podiumsteilnehmenden treffen die Fachzirkel

1445 Podiumsdiskussion: „Das Netz als Gegenstand oder Ort für die politische Meinungsbildung?“ oder: „Wie kann das Netz ein konstruktiver Ort der demokratischen Meinungsbildung werden?“

  • Dr. Christian Zimmermann
  • RA Chan-jo Jun
  • Michael Johann
  • Uta Löhrer, Landeszentrale für politische Bildungsarbeit (LpB Bayern) (Vita)

1545 Einblicke in aktuelle Praxisentwicklungen. 

Politische Bildungsarbeit mit Memes. Erfahrungen und Perspektiven

  • Canan Korucu, Co-Geschäftsführerin von ufuq.de und Leiterin im Bund-Länder-Projekt bildmachen (Abstract & Vita)

1615 Abschluss der Tagung mit einer Würdigung von 70 Jahren JFF

1700 Ende der Veranstaltung

 Moderation: Nicole Lohfink



Dr. Ingrid Stapf “Zwischen Selbstbestimmung, Fürsorge und Befähigung: Kinderrechte in mediatisierten Lebenswelten“

IdT18 – „Zwischen Selbstbestimmung, Fürsorge und Befähigung: Kinderrechte in mediatisierten Lebenswelten“ Dr. Ingrid Stapf from jff_de on Vimeo.

Der Vortrag gibt einen Impuls zu einer kinderrechtlichen Perspektive mit Blick auf die medial durchdrungenen Lebenswelten von Kindern. Diese Perspektive sieht Kinder als subjektive Träger von Menschenrechten, die ihnen als Kinder zukommen. Da Kindheit eine Entwicklungsphase ist, die von besonderer Verletzlichkeit, Abhängigkeit und auch asymmetrischen Machtstrukturen in der generationalen Ordnung geprägt ist, bewegen sich Kinderrechte im Spannungsfeld, Kinder einerseits als aktiv handelnde Subjekte in ihren Selbstbestimmungstendenzen (als „beings“) ernst zu nehmen und ihnen (als „becomings“) gleichzeitig Schutz und Fürsorge zu gewähren, damit sie sich gesund und eigenverantwortlich entwickeln und ihre Persönlichkeit entfalten können. Hierzu wird die Befähigung von Kindern relevant, indem Kinder die Fähigkeiten erwerben sollten, die in ihren jeweiligen Kontexten für ein selbstbestimmtes und glückliches Leben relevant sind. So betont der Sozialökonom Amartya Sen (2007), dass Kinder befähigt werden müssen, um sich ihre Freiheitsrechte anzueignen.

In welchem Zusammenhang aber stehen Schutz, Befähigung und Partizipation mit Blick auf mediale Lebenswelten? Welches Kindheitsbild ist weiterführend? Und was bedeutet eine kinderrechtliche Perspektive mit Blick auf Medienbildung, Medienerziehung aber auch die Medienregulierung? Als die Kinderrechte mit der UN-Kinderrechtskonvention 1989 völkerrechtlich verbrieft und darin Kinder erstmals global als handelnde Rechtssubjekte verstanden wurden, steckte das Internet noch in den Kinderschuhen. Zwischenzeitlich ist Kindheit weitgehend mediatisiert: Empirische Daten verweisen auf eine wachsende mediale Ausstattung und Nutzungszahlen schon in der frühen Kindheit (MPFS 2017, DIVSI 2015) und eine mediale Durchdringung von Orten und Formen kindlicher Kommunikation (Tillmann/Hugger 2014). Gleichzeitig steht der Kindermedienschutz vor einer Regulierungskrise (Stapf 2016) und Fragen der Medienbildung sowie der Verantwortung verschiedener Stakeholder bei der Sicherung kindlicher Interessen bedürfen einer Aktualisierung.

Der Vortrag verfolgt anhand aktueller Beispiele aus medien- und kinderethischer Perspektive die Frage, welche Potenziale und Herausforderungen sich für kindliche Selbstbestimmung in der digital vernetzten Welt ergeben. Mit Blick auf Kinderrechte als „Menschenrechte für Kinder“ (Maywald 2012, S. 16) wird diskutiert, was kindliche Selbstbestimmung ausmacht, wie die Eigenverantwortlichkeit von Kindern in medialen Lebenswelten gestärkt werden und dennoch wirksame Schutz- und Befähigungsräume für Kinder entstehen können. Kinderrechte werden dabei in innerem Zusammenhang von Schutz-, Befähigungs- und Partizipationsrechte verstanden und auf das Konzept der „evolving capacities,“ (Lansdown 2005) bezogen, welches die individuelle Entwicklungsdimension des Kindes in den Vordergrund rückt. Entscheidend hiernach ist, dass das Kind weder mit Autonomieansprüchen überfordert, noch dass es an wichtigen Erfahrungen gehindert wird, welche überhaupt die Grundlage von Verantwortungsübernahme und Selbstwirksamkeit (Bandura 1994) bilden. Dabei wird vermutet, dass Medienkompetenz nur eine Teilkomponente der Befähigungsbestrebungen aus kinderrechtlicher Sicht ist. Letztendlich geht es um die Stärkung kindlicher Selbstbestimmung im Kontext der Mediatisierung und mit Blick auf weiter zu untersuchende evolving capacities von Kindern.

 

Dr. phil. Ingrid Stapf habilitiert sich derzeit zu Grundlagen einer Kinder-Medien-Ethik im digitalisierten Zeitalter. Sie lehrt Medienethik an der FAU Erlangen und der FH Potsdam, war langjährige Sprecherin der Fachgruppe Kommunikations- und Medienethik in der DGPuK und ist Herausgeberin einer Reihe zur Medienethik im Nomos-Verlag.

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Dr. Stephan Dreyer “Schmutz, Schutz und Teilhabe: Eine rechtswissenschaftliche Einordnung von wohlverstandenen Interessen und dem Recht auf Beteiligung von Kindern”

IdT18 – „Schmutz, Schutz und Teilhabe: Eine rechtswissenschaftliche Einordnung“ Dr. Stephan Dreyer from jff_de on Vimeo.

Schmutz, Schutz und Teilhabe: Eine rechtswissenschaftliche Einordnung von wohlverstandenen Interessen und dem Recht auf Beteiligung von Kindern

Schutz und Teilhabe – kaum ein anderer Doppelklang ist in der Jugend- und Jugendmedienschutzpolitik derzeit so häufig zu hören wie dieser. Beide Aspekte sind normativ gerahmt, aus Sicht von Grund- und Menschenrechten garantiert und ihre Perspektiven für die Gestaltung von Kindheit in digitalen Medienumgebungen essenziell. Und doch können sich Schutz und Teilhabe widersprechen oder auf unterschiedlichen Ebenen (Erziehung, Bildung, Mediennutzung, Produktion, politische Partizipation uvm.) ganz unterschiedlich starke Ausprägungen erfahren, z.B. bei Fragen wie: Sollen Heranwachsende über Art und Ausmaß des sie selbst betreffenden Ordnungsrahmens (inkl. Jugendschutz) mitbestimmen? Sind sie an der Ausgestaltung moderner Medienerziehung und Medienbildung zu beteiligen? Welche Möglichkeiten bieten Teilhaberechte bei der Überwindung praxisferner, kommunikationseinschränkender Rechtsnormen oder medienhandlungsbezogener Elternverbote? Hilft der Ansatz eines Rechts auf “unbeschwerte Teilhabe” bei der Integration der beiden Aspekte?

Der Vortrag will mehr Licht in das Dickicht der beiden unterschiedlichen Schutzgehalte, ihren kongruenten wie inkongruenten Teilmengen und Schnittbereichen bringen und Leitlinien für die Optimierung ihrer Geltungskraft in der Praxis entwickeln.

 

Dr. Stephan Dreyer ist Senior Researcher für Medienrecht und Media Governance am Hans-Bredow-Institut. Das Forschungsinteresse des Juristen gilt den regulatorischen Aspekten medienvermittelter Kommunikation in einer datafizierten Gesellschaft; er analysiert Herausforderungen, denen sich rechtliche Steuerung angesichts neuer Technologien, Angebotsstrukturen und Nutzungspraktiken gegenüber sieht. Ein Augenmerk liegt dabei auf den Möglichkeiten und Grenzen von Transparenz-/Informationspflichten als Steuerungsressource. Stephan Dreyer ist ein Experte für rechtliche Fragestellungen im Schnittbereich von Jugendschutz und Datenschutz. Zudem führt er steuerungswissenschaftlich orientierte sowie komparative Untersuchungen von Systemen und Instrumenten informations- und kommunikationsbezogener Governance durch. Im Rah­men seiner Dissertation hat er die Problematik sowie die rechtlichen Determinanten von rechtlichen Entscheidungen unter Ungewissheit im Jugendmedienschutz untersucht. Er ist seit 2002 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hans-Bredow-Institut tätig.

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Prof. Dr. Katharina Gerarts “Kinderrechte und Medien – die Perspektiven von Kindern und Jugendlichen auf Chancen und Herausforderungen”

IdT18 – „Kinderrechte und Medien – die Perspektiven von Kindern und Jugendlichen“ Prof. Dr. Katharina Gerarts from jff_de on Vimeo.

Kinderrechte und Medien – die Perspektiven von Kindern und Jugendlichen auf Chancen und Herausforderungen

Die UN-Kinderrechtskonvention widmet sich in mehreren ihrer Artikel dem Themenkomplex „Medien“. Um nur einige Beispiele zu nennen, soll auf Art. 13 „Recht auf Meinungs- und Informationsfreiheit“, auf Art. 17 „Recht auf Zugang zu Information“, Art 14 „Recht auf Gedanken-Gewissens- und Religionsfreiheit“ sowie auf Art. 16 „Recht auf Schutz der Privatsphäre“ verwiesen werden. Aus Sicht der UN-Kinderrechtskonvention sind also weitgreifende Rechte der 0-18Jährigen formuliert, die den Zugang und die Nutzung von Medien regeln. Allerdings bleibt dabei offen, wie sich der konkrete Umgang von Kindern und Jugendlichen mit sich ständig verändernden Medien gestaltet und inwiefern die formulierten Rechte aus der UN-Kinderrechtskonvention hier tatsächlich zum Tragen kommen.

Aus der Perspektive der Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen ergeben sich konkrete Fragen im Umgang mit Medien, die je nach Altersstufe stark variieren können und sich auf den Ebenen der Gesellschaft, der Familie, der Bildungsinstitutionen oder in der freien Zeit, z. B. in der peer-group, abspielen. In dem Vortrag „Kinderrechte und Medien – die Perspektiven von Kindern und Jugendlichen auf Chancen und Herausforderungen” werden ausgewählteErgebnisse der „Hessischen Kinder- und Jugendrechte-Charta“ präsentiert, welche sich mit dem Themenkomplex Medien und den in der Einleitung angeführten Artikeln der UN-Kinderrechtskonvention auseinandersetzen und die Chancen und Herausforderungen von Kinderrechten und Medien aus der Perspektive von Kindern und Jugendlichen beleuchten.

 

Gerarts, Prof. Dr. phil. Katharina: Diplom-Pädagogin, qualitative Kindheitsforscherin und Professorin für Kindheitspädagogik an der Evangelischen Hochschule in Darmstadt. Viele Jahre Tätigkeit als Senior-Researcher for Children Studies am World Vision Institut, einem internationalen Kinderhilfswerk. Lehr- und Forschungsschwerpunkte: Kinderrechte und Kinderpolitik, Kindheitsforschung und ihre Methoden, Child-Well-Being, Partizipation und Teilhabe von Kindern, Kinder in der generationalen Ordnung. Außerdem ehrenamtliche Beauftragte der Hessischen Landesregierung für Kinder- und Jugendrechte. Email: Katharina.Gerarts@eh-darmstadt.de

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