Prof. Dr. Stefan Selke: Das beste aller Leben? Künstliche Intelligenz als Kurator menschlicher Erinnerung

Wie verändern sich individuelle Erinnerung und kollektive Erinnerungskultur, wenn Erinnerungsdaten mittels künstlicher Intelligenz sortiert, selektiert, analysiert und präsentiert werden? Der Vortrag geht der Frage nach den Funktionsweisen und Wirkungen neuartiger kuratierender Erinnerungssysteme nach. Interaktive Erinnerungs-Avatare bieten die Möglichkeit, menschliche Erinnerungsfähigkeit zu überformen, Gedächtnisleistungen auszulagern und die eigene Lebensführung zu optimieren. Aus umsortierbaren Datenfragmenten wird so eine Lebensgeschichte, bei der Algorithmen auswählen, was bedeutungsvoll ist. KI-gestützte Erinnerungssysteme greifen dabei tief in das Beziehungsgeflecht von Menschen ein, sie verändern Prozesse der Biografisierung, des Andenkens sowie der Seelsorge. Je marktförmiger diese Angebote ausgestaltet werden, desto mehr ist nach den langfristigen Folgen und Kosten dieser Systeme zu fragen. Die Nutzung kuratierender Erinnerungssysteme geht einerseits mit der Zunahme an Handlungsoptionen einher, andererseits aber auch mit der Externalisierung von Autonomie an technische Systeme. Wird vor diesem Hintergrund das beste aller Leben das von KI editierte Leben sein?

Prof. Dr. Selke, Professur für „Soziologie und gesellschaftlichen Wandel“ sowie Forschunggsprofessur „Transformative und öffentliche Wissenschaft.”

Prof. Dr. Stefan Selke lehrt Soziologie und gesellschaftlichen Wandel an der Hochschule Furtwangen. Er ist Forschungsprofessor für „Transformative und öffentliche Wissenschaft“ sowie Visiting Professor an der University of Huddersfield (UK). Selke studierte Luft- und Raumfahrttechnik und promovierte dann in Soziologie. Im Auftrag von Bundes- und Landesministerien leitet er gegenwärtig drei Forschungsprojekte zum digitalen Wandel. Als disziplinärer Grenzgänger ist Selke als Redner, Buchautor und Blogger sowie Interview- und Gesprächspartner der Medien auch außerhalb der Wissenschaft präsent. Selke versteht sich als öffentlicher Soziologe, der Positionen zu gesellschaftlich umstrittenen Themen entwickelt. Neben Digitalisierung sind seine Forschungsthemen soziale Utopien sowie Weltraumexploration.

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