Meinung Netz Diskurs: Meinungsbildungsprozesse im Internet

Kurzbericht zu den interdisziplinären Diskursen über das Heranwachsen in mediatisierten Lebenswelten

Werden Meinungen im Netz nur proklamiert oder auch fundiert gebildet?
Und welche Bedeutung kommt dabei netztypischen Diskursformen zu? Diese Fragen standen im Fokus der 15. Interdisziplinären Tagung am 29. November, zu der 130 Teilnehmende in die Bayerische Landeszentrale für neue Medien (BLM) kamen. Die Tagung wird gefördert vom Bayerischen Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales (StMAS).

Begrüßt wurden die Teilnehmenden durch Siegfried Schneider, den Präsidenten der BLM: „Politische Meinungsbildung erfolgt heute gerade bei den Jüngeren zum großen Teil im und über das Netz. Diese Verlagerung der Meinungsmacht hat auch die Art und Weise der politischen Kommunikation verändert – das sollte bei der Vermittlung politischer Bildung berücksichtigt werden. Dabei gilt die Maxime: Meinungsfreiheit und Menschenwürde sind nicht verhandelbare Werte und müssen geschützt werden!“ Bayerns Staatssekretärin für Familie, Arbeit und Soziales, Carolina Trautner, richtete sich ebenfalls mit einem Grußwort an das Publikum. Sie betonte: „Der Einfluss von Social Media auf die politische Meinungsbildung von jungen Menschen ist heutzutage enorm. Unsere wichtigste Aufgabe ist es daher, Heranwachsenden Medienkompetenz zu vermitteln und sie bei ihren Meinungsbildungsprozessen zu begleiten. Wir möchten jungen Menschen Handwerkszeug mit auf den Weg geben, damit sie kritisch und reflektiert mit den unterschiedlichen Quellen von Informationen aus dem Netz umzugehen lernen.“

Für das JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis eröffnete der Vorsitzende, Prof. Dr. Frank Fischer, die Tagung und unterstrich die Bedeutung der Chancen wie auch Herausforderungen des Internets für die politische Meinungsbildung. Chancen böten Online-Diskurse, weil sie Individuen und Gruppen außerhalb der Massenmedien eine enorme Reichweite verschaffen könnten. Gesellschaftlich problematisch sei es jedoch, wenn Menschen im Internet nur noch Informationen suchten, die die eigene Meinung stützten und sich so vom öffentlichen Diskurs abkoppelten. Zudem stelle sich die Frage, welche Normen für den Diskurs und die Inhalte auf Online-Plattformen maßgeblich seien und welche Inhalte sanktioniert werden sollten.  

Eine thematische Einführung mit Beispielen aus der medienpädagogischen Forschung gaben Dr. Niels Brüggen, Dr. Georg Materna und Eric Müller vom JFF. Sie stellten die Breite des Tagungsthemas zwischen individuellen Meinungsbildungsprozessen und der Teilhabe an der öffentlichen Meinungsbildung vor und verorteten darin Forschungsergebnisse des JFF. Bei Informationen zum Thema Flucht spielten beispielsweise gerade auch klassische Medien und deren Wechselwirkung mit Inhalten in sozialen Medien eine große Rolle (siehe ausführlich http://mekrif.jff.de). Bei politischen Diskursen würden Jugendlichen Kontroversen aus der Angst vor Shitstorms meiden und sich eher in semiprivaten Räumen, wie z. B. Gruppenchats, austauschen. Über Prinzipien und Herausforderungen aktueller politischer Bildung sprach Dr. Christian Zimmermann von der Philosophischen Fakultät – Politikwissenschaft der Universität Siegen. In seinem Vortrag skizzierte er die Möglichkeiten und Grenzen politischer Bildung unter den Bedingungen der Gegenwart und plädierte für eine dezidiert kritische Auseinandersetzung mit der heutigen Auslegung und Praxis der Demokratie. Hinsichtlich der Aufgaben politischer Bildung betonte er vor allem die Bedeutung der Stärkung des Selbstwertgefühls der Teilnehmenden.  

Über Bilder und Memes als Bestandteile der Diskurskultur im Netz und ihre Bedeutung für die politische Meinungsbildung sprachen Prof. Dr. Thomas Knieper und Michael Johann vom Lehrstuhl für Digitale und Strategische Kommunikation der Universität Passau. Bilder waren bereits in den 70er Jahren in der politischen Kommunikation bedeutsam und von da aus erschließe sich die Entwicklung zu heutigen Internet-Memes. Politischen Internet-Memes dienten dem Selbstausdruck, der Darstellung von Verbundenheit und wesentlich auch der Unterhaltung. Potenziale für die Meinungsbildung bestünden, da sie Informationen vermitteln aber auch zur Mobilisierung genutzt werden können.

Mit seinem Vortrag zum Thema „Meinungsfreiheit, Menschenwürde, Community-Standards – wer schützt was in Netzdiskursen?“ griff Rechtsanwalt Chan-jo Jun, von der Kanzlei JunIT für IT- und Wirtschaftsrecht auf, dass Memes teils nicht den Anspruch hätten, Wirklichkeit abzubilden. Vielmehr enthielten Internet-Memes auch üble Nachrede und andere Verletzungen der Menschenwürde. Zur Bewertung dieser Inhalte wies er auf die Unterschiede zwischen den Community-Standards der Plattformen, dem amerikanischen Recht und dem Grundgesetz hin. Für einen besseren Schutz der Menschenwürde gegenüber der Redefreiheit (Community-Standards und US-Recht) forderte er die Durchsetzung des Grundgesetzes wie beim Netz-DG sowie eine breitere politische Bildung der Bürgerinnen und Bürger. Anschließend diskutierten Uta Löhrer von der LpB Bayern, Dr. Christian Zimmermann, RA Chan-jo Jun und Michael Johann in einer Podiumsdiskussion mit dem Publikum über das Thema „Das Netz als Gegenstand oder Ort für die politische Meinungsbildung?“ oder: „Wie kann das Netz ein konstruktiver Ort der demokratischen Meinungsbildung werden?“. Zentrale Aussage der Diskussion waren

  • Wenn Recht und empfundene Gerechtigkeit auseinander divergieren, werde das Recht hinterfragt. Dies sei gerade angesichts einer mangelnden Regelung im Internet der Fall und erfordere ein Gegensteuern durch eine bessere Rechtsdurchsetzung wie auch politischer Bildung zu den Werten, die für unsere Demokratie und demokratische Diskurse gelten sollten. Humor wurde dabei als besonders heikel identifiziert, da die Grenze zwischen Satire, Geschmacklosigkeit und dabei der Schutz der Würde der angesprochenen Menschen schwer einzuschätzen seien. Satire müsse aber unbedingt ausgehalten werden. Für eine zeitgemäße politische Bildung sei die Förderung von Medienkompetenz unverzichtbar.
  • Als Grundlage für die Bildungsarbeit in schulischen wie außerschulischen Handlungsfeldern sei allerdings noch Grundlagenforschung zu den konkreten Einflussfaktoren der politischen Meinungsbildung erforderlich. 
  • Um das Netz als konstruktiven Ort der Meinungsbildung zu stärken, sei die Förderung von (auch) intergenerationellen Diskursen zu den kontroversen Fragen der Zeit und die Reflexion von antidemokratischen Entwicklungen notwendig. Es seien aber auch strukturelle Voraussetzungen zu schaffen, wie die Kuratierung von Inhalten. Dabei sei eine Verpflichtung auf die Einhaltung des Grundgesetzes in den sozialen Medien und in diesem Sinne eine Regulierung der hier handlungsmächtigen Akteure notwendig.

Den inhaltlichen Schwerpunkt gab abschließend Canan Korucu, Co-Geschäftsführerin von ufuq.de und Leiterin im Bund-Länder-Projekt bildmachen, mit einem Einblick in aktuelle Praxisentwicklungen und sprach über Erfahrungen mit Memes in der politischen Bildungsarbeit. Memes ließen sich sehr schnell und einfach erstellen und böten eine hohe Anschlussfähigkeit an jugendkulturelle visuelle Gewohnheiten. Im Prozess der Meme-Erstellung in den Workshops würden Diskurse und Reflexionsprozesse angestoßen, so Korucu, gerade auch wenn Memes kontrovers und mehrdeutig seien.

Die Tagung wurde durch Fachzirkel durchbrochen und inhaltlich ergänzt. Hier konnten sich die Teilnehmenden in moderierten Kleingruppen mit dem Thema der Tagung auseinandersetzen, ihre Gedanken und Fragen einbringen sowie gemeinsam Aspekte herausarbeiten, die in die Podiumsdiskussion eingebracht werden konnten. 

Die Tagung endete mit einer Würdigung von 70 Jahren JFF. Kathrin Demmler, Direktorin des JFF, gab hierzu einen Rückblick mit den zentralen Meilensteinen des Vereins. In seiner Funktion als stellvertretender Vorsitzender des JFF e. V. schnitt Klaus Lutz die Jubiläumstorte an. 

Links zu den vorgestellten Projekten:

Im Nachgang werden die Vorträge als Videos zur Verfügung gestellt.

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