Dr. Ingrid Stapf

Zwischen Selbstbestimmung, Fürsorge und Befähigung: Kinderrechte in mediatisierten Lebenswelten

Der Vortrag gibt einen Impuls zu einer kinderrechtlichen Perspektive mit
Blick auf die medial durchdrungenen Lebenswelten von Kindern. Diese
Perspektive sieht Kinder als subjektive Träger von Menschenrechten, die
ihnen /als Kinder/ zukommen. Da Kindheit eine Entwicklungsphase ist, die
von besonderer Verletzlichkeit, Abhängigkeit und auch asymmetrischen
Machtstrukturen in der generationalen Ordnung geprägt ist, bewegen sich
Kinderrechte im Spannungsfeld, Kinder einerseits als aktiv handelnde
Subjekte in ihren Selbstbestimmungstendenzen (als „beings“) ernst zu
nehmen und ihnen (als „becomings“) gleichzeitig Schutz und Fürsorge zu
gewähren, damit sie sich gesund und eigenverantwortlich entwickeln und
ihre Persönlichkeit entfalten können. Hierzu wird die Befähigung von
Kindern relevant, indem Kinder die Fähigkeiten erwerben sollten, die in
ihren jeweiligen Kontexten für ein selbstbestimmtes und glückliches
Leben relevant sind. So betont der Sozialökonom /Amartya Sen
/(2007)/,/dass Kinder /befähigt/ werden müssen, um sich ihre
Freiheitsrechte anzueignen.

In welchem Zusammenhang aber stehen Schutz, Befähigung und Partizipation
mit Blick auf mediale Lebenswelten? Welches Kindheitsbild ist
weiterführend? Und was bedeutet eine kinderrechtliche Perspektive mit
Blick auf Medienbildung, Medienerziehung aber auch die
Medienregulierung? Als die Kinderrechte mit der
/UN-Kinderrechtskonvention/ 1989 völkerrechtlich verbrieft und darin
Kinder erstmals global als handelnde Rechtssubjekte verstanden wurden,
steckte das Internet noch in den Kinderschuhen. Zwischenzeitlich ist
Kindheit weitgehend mediatisiert: Empirische Daten verweisen auf eine
wachsende mediale Ausstattung und Nutzungszahlen schon in der frühen
Kindheit (MPFS 2017, DIVSI 2015) und eine mediale Durchdringung von
Orten und Formen kindlicher Kommunikation (Tillmann/Hugger 2014).
Gleichzeitig steht der Kindermedienschutz vor einer Regulierungskrise
(Stapf 2016) und Fragen der Medienbildung sowie der Verantwortung
verschiedener Stakeholder bei der Sicherung kindlicher Interessen
bedürfen einer Aktualisierung.

Der Vortrag verfolgt anhand aktueller Beispiele aus *medien- und
kinderethischer Perspektive* die Frage, welche *Potenziale und
Herausforderungen sich für kindliche Selbstbestimmung in der digital
vernetzten Welt *ergeben. Blick auf *Kinderrechte als „Menschenrechte
für Kinder“* (Maywald 2012, S. 16) wird diskutiert, was kindliche
Selbstbestimmung ausmacht, wie die Eigenverantwortlichkeit von Kindern
in medialen Lebenswelten gestärkt werden und dennoch wirksame Schutz-
und Befähigungsräume für Kinder entstehen können. Kinderrechte werden
dabei in innerem Zusammenhang von Schutz-, Befähigungs- und
Partizipationsrechte verstanden und auf das *Konzept der „evolving
capacities,“* (Lansdown 2005) bezogen, welches die individuelle
Entwicklungsdimension des Kindes in den Vordergrund rückt. Entscheidend
hiernach ist, dass das Kind weder mit Autonomieansprüchen überfordert,
noch dass es an wichtigen Erfahrungen gehindert wird, welche überhaupt
die Grundlage von Verantwortungsübernahme und Selbstwirksamkeit (Bandura
1994) bilden. Dabei wird vermutet, dass /Medien/kompetenz nur eine
Teilkomponente der Befähigungsbestrebungen aus kinderrechtlicher Sicht
ist. Letztendlich geht es um die *Stärkung kindlicher Selbstbestimmung
im Kontext der Mediatisierung und mit Blick auf weiter zu untersuchende
evolving capacities von Kindern*.

Dr. phil. Ingrid Stapf habilitiert sich derzeit zu Grundlagen einer Kinder-Medien-Ethik im digitalisierten Zeitalter. Sie lehrt Medienethik an der FAU Erlangen und der FH Potsdam, war langjährige Sprecherin der Fachgruppe Kommunikations- und Medienethik in der DGPuK und ist Herausgeberin einer Reihe zur Medienethik im Nomos-Verlag.

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