2009 – Medien. Bildung. Soziale Ungleichheit

Medien. Bildung. Soziale Ungleichheit

Bei der 5. Interdisziplinären Fachtagung von JFF und BLM diskutieren Expertinnen und Experten über positive Potenziale des Medienhandelns.

interdisiziplinaeretagun

Eine stärkere Verzahnung zwischen Bildungsbereich, Medienpädagogik und Familien- bzw. Schulpolitik könnte dazu beitragen, die soziale Ungleichheit in der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen, die ihr Mediennutzungsverhalten und ihr Medienhandeln wesentlich beeinflusst, ein Stück weit aufzubrechen. Darüber war man sich bei der 5. Interdisziplinären Fachtagung zum Thema „Medien. Bildung. Soziale Ungleichheit“ einig. Doch die Diskussion, zu der das JFF – Institut für Medienpädagogik und die Bayerische Landeszentrale für neue Medien (BLM) am 13. November nach München eingeladen hatten, zeigte auch, dass Ansätze zu einer solchen Verzahnung bisher kaum existieren.
Ausgehend von der These, dass soziale Herkunft und Bildungsniveau in engem Zusammenhang stehen, ging es im ersten Teil der Tagung um die Entstehung und Auswirkung sozialer Benachteiligung durch ungleiche Bildungschancen. JFF-Direktorin Prof. Dr. Helga Theunert verdeutlichte in ihrer Einführung die möglichen negativen Auswirkungen („Bildungsbenachteiligte sind stärker dem Risiko ausgesetzt, sich in den Fallstricken der Medienwelt zu verfangen.“), betonte aber auch, dass die heutige Mitmach-Medienwelt positive Potenziale zur Verfügung stelle.
Doch die milieubedingte, durch das deutsche Bildungssystem verfestigte soziale Ungleichheit erschwert die Förderung der positiven Potenziale. Diese Ansicht vertraten Prof. Dr. Albert Scherr von der Pädagogischen Hochschule Freiburg und Prof. Dr. Klaus Klemm von der Universität Duisburg-Essen. Scherr wies auf den Reproduktionszusammenhang zwischen Sozialisation und Bildungsungleichheit hin und warnte: „Es ist ein Fehler, aus Bildungsbenachteiligung eine Defizitdebatte herzuleiten.“ Statt die individuelle Förderung der Kinder in den Mittelpunkt zu stellen, sollte wie bei der finnischen Bildungsreform der Abbau von Sozialisations- und Bildungsungleichheiten als wesentliches Ziel gelten. In diesem Zusammenhang kritisierte er auch die aktuelle „Verwahrlosungsdebatte“. Damit erkläre man nicht die objektiv schlechteren Lebensbedingungen der Unterschichten zum eigentlichen Problem, sondern deren Lebensführung.
Die Ungleichheit im Bildungswesen hat nach Ansicht von Klaus Klemm eine lange Tradition in Deutschland, die Anfang des 19. Jahrhunderts begründet worden sei. Entgegen dem Humboldt’sche Ideal, dass alle Kinder auf eine Schule gingen, hätte die Selektion schon bald danach begonnen. Anhand von Ergebnissen aus den PISA- und den IGLU-Studien versuchte er nachzuweisen, dass die schicht- und migrationsspezifische Ungleichheit im deutschen Bildungssystem fest verankert sei. Kinder aus den oberen sozialen Milieus bekämen bei gleicher Leistung mehr Gymnasialempfehlungen als Kinder mit niedriger sozialer Herkunft oder Schüler/innen mit Migrationshintergrund. Die schulisch verstärkte Chancenungleichheit habe eine lebensbegleitende Wirkung.
Die Absichtserklärung im aktuellen Koalitionsvertrag, wie sie BLM-Präsident Prof. Dr. Wolf-Dieter Ring in seiner Begrüßung zitiert hatte („Ein erfolgreiches Bildungswesen muss Begabung fördern, Lernschwache stärken und den engen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg aufbrechen.“), scheint also noch weit von der schulischen Realität entfernt zu sein.
Doch wie wirken sich nun Bildungsungleichheit und soziale Benachteiligung auf das Medienhandeln insbesondere der Jugendlichen aus? Dazu präsentierte die stv. JFF-Direktorin Ulrike Wagner u.a. Erkenntnisse aus einer empirischen Studie an Hauptschulen. Danach orientieren sich sozial- und bildungsbenachteiligte Jugendliche verstärkt an klischeebehafteten und traditionellen Rollen- und Weltbildern. Die Fähigkeiten für einen souveränen Umgang mit medialen Informationswelten können sie nicht in ausreichendem Maße ausbilden. Wagner wies allerdings auch auf die Potenziale hin, die der Gebrauch multifunktionaler Medien biete. So ermöglichten z.B. Online-Plattformen das Erproben der eigenen Fähigkeiten (Medien als Experimentierfelder), das Lernen von und mit anderen (Medien als Orte der Kompetenzerweiterung) und die Interaktion (Medien als Partizipationsräume).
Die Potenziale des Medienhandelns zu fördern, gelingt der Schule bisher nur sehr schlecht, so das Fazit aus der abschließenden Diskussionsrunde. Ihr Thema: Wie kann soziale Ungleichheit aufgebrochen werden? Diese Frage sollte aus Sicht der Medienpädagogik, der Jugendarbeit, der Medienpolitik, der Familienforschung und des Schulwesens geklärt werden. So kritisierte Prof. Dr. Heidi Schelhowe von der Universität Bremen, dass der kompetente Umgang mit Medien sicher nicht aus der Schule resultiere. In der Pädagogik existiere immer noch die Vorstellung, dass Medien „etwas Unheimliches und Unkontrollierbares“ wären. Medienbildung sollte deshalb zum Pflichtfach in der Lehrerbildung werden. Dafür plädierte auch der Medienpädagoge Prof. Dr. Horst Niesyto. Allerdings dürfe sich der Blick nicht nur auf die Schule richten, sondern müsse auch auf frühkindliche und berufliche Bildung fokussiert werden. Deshalb sollte eine medienpädagogische Grundbildung für alle pädagogischen Studiengänge in Erwägung gezogen werden. Dabei, so Niesyto, ginge es nicht um das „Lernen mit neuen Medien“, sondern um „das neue Lernen mit Medien“.
Verena Weigand, Referentin für Jugendschutz und Medienpädagogik in der BLM sowie Leiterin der Stabsstelle der Kommission für Jugendmedienschutz, kritisierte im Zusammenhang mit der Frage nach sozialer Ungleichheit bestimmte TV-Help-Formate, in denen Klischeevorstellungen zementiert und die Akteure vorgeführt würden. Dabei bilde das Fernsehen eben nicht nur die Realität ab, wie die Sender sagten, sondern inszeniere auch häufig die entsprechenden Klischees.
Um u.a. solche Klischees aufzubrechen, forderte Prof. Dr. Benno Hafeneger von der Universität Marburg, Medien stärker in die Jugendarbeit zu integrieren und „Jugendliche nicht immer wieder zu pädagogisieren“. Dieser Forderung schloss sich auch Prof. Dr. Andreas Lange vom Deutschen Jugendinstitut an. Medienpädagogische Ansätze müssten mehr mit der Familienbildung verzahnt werden, so Lange.
Doch wie sollen entsprechende Maßnahmen und Projekte finanziert werden? Dazu kam ein konstruktiver Vorschlag von Heidi Schelhowe: Aus dem Etat der Bundesregierung für Technologieprojekte, der erhöht worden sei, könnten bei Maßnahmen, die für Jugendliche konzipiert sind, jeweils fünf Prozent draufgelegt werden und bei medienpädagogischen Aktionen noch einmal ein Prozent mehr.

Informationen zum Download:

Flyer Medien. Bildung. Soziale Ungleichheit

Publikation zur Tagung:

Medien . Bildung . Soziale Ungleichheit. Interdisziplinäre Diskurse Band 5


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload the CAPTCHA.